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Pflege

Shunt zu – was nun? Kein Shunt hält ewig!

Erfahrungs­be­richt eines Dialyse­pa­tienten

Nur mit einem gut laufenden Dialysezugang (Dialyseshunt) ist eine effektive Hämodialysebehandlung möglich. Wenn dieser Dialyseanschluss thrombosiert, entzündet oder aus irgendeinem Grund nicht mehr punktierbar ist, muss dringend Abhilfe geschaffen werden. Manchmal ist eine Operation unabdingbar, um wieder an „das fließende Blut“ zu gelangen. Ich möchte hier meine Erfahrungen wiedergeben, die ich machte, als mir meine Lebensader nach längerer Zeit Probleme bereitete.

Meine Lebensader

Mein erster Griff am Morgen gilt meiner Lebensader. Meine Lebensader, ein extra-anatomisches System, das der Organismus von Natur aus nicht kennt, aber der Shuntchirurg zum sogenannten „Dialyseshunt“ angelegt hat. Normalerweise merke ich im Schlaf, dass mein Kunststoffshunt seine Aufgabe ordentlich macht: das Blut von einer tief liegenden Oberarmarterie in den punktierbaren Kunststoffloop und dann in die Vene zurück ins Venensystem zu transportieren. Manchmal leitet das Kopfkissen das Surren meines Dialyseshunts weiter, so dass ich weiß, „es ist alles in Ordnung“.

Seit über 37 Jahren habe ich als Punktionsgefäße Kunststoffprothesen. Davor Scribner-Shunts und AV-Fisteln als Dialysezugangslösungen, die kläglich nach kurzer Zeit ihren Dienst versagt hatten und mir in der Vergangenheit die Chance nahmen, eine gut laufende AV-Fistel aus eigenem Gefäßsubstrat installiert zu bekommen.

Durch die vielen Operationen sehen meine Unterarme aus wie misslungene 3D-Tattoos. Wenn man genauer hinschaut, sieht man den Verlauf der alten thrombosierten Kunststoffschläuche, die steinhart und knöchern unter der narbigen Haut verlaufen. Ästhetisch sehen meine Arme nicht aus, sie machen mich vielleicht einzigartig und wären steckbrieflich erwähnenswert wie meine DNA.

Mein Puls, das Geräusch wie bei einer fahrenden Dampflok, durchfließt die Prothese, die prall mit Blut gefüllt ist und sich gut spürbar unter meinem linken Daumen auf und ab bewegt. Bei einem gut laufenden Dialyseshunt hört man ein freies Schwirren, verursacht durch das schnell durch den Prothesenshunt fließende, arterielle Blut. Hohe Töne bedeuten eine Verengung im Shuntgefäß.

Mit einem Stethoskop die Lebensader zu erforschen, ihrer Melodie auf ganzer Strecke zu lauschen, ist ein besonderes Hörerlebnis.

Mein Dialysezugang ist meine Lebensader, die Voraussetzung für mein Weiterleben. Für mich lebenslang. Sie ist die Garantie für eine effektive Dialyse, der Giftstoff- und Wasserentfernung aus meinem Organismus, um täglich aufs Neue bessere Lebensqualität zu erlangen.

Anfuehrungszeichen

Hören Sie öfters
Ihre Shuntmelodie!

Prof. Dr. med. Gerhard Krönung
Chefarzt der Shuntchirurgie in der DKD HELIOS Klinik in Wiesbaden

 

So können Dialysepatienten Probleme mit dem Shunt vermeiden:

  1. hygienische Händereinigung
  2. sich mit seinem Shunt befassen: ansehen, tasten, hören
  3. Funktionskontrolle durch Abhören des Shuntgeräuschs mit einem Stethoskop
  4. auf Warnsignale am Shunt achten wie Entzündungen, Schwellungen, Rötungen
  5. venöse und arterielle Shuntdrücke am Monitor der Dialysemaschine beobachten und dem Dialysearzt Veränderungen mitteilen
  6. Shunt- und Punktionshygiene einhalten
  7. niedrigen Blutdruck und Kreislaufabstürze vermeiden
  8. richtige Abdrücktechnik:
    Das Pulsieren unter dem Finger muss immer zu spüren sein.
  9. auf mechanische Abdrückhilfen verzichten
  10. langes Abdrücken: Dialyseshunt: 15 min, Prothese: 30 min
  11. Fehlpunktionen durch Erlernen der Selbstpunktion minimieren
  12. bei jeder Punktion die Shuntpunktionstechnik mit dem Pflegepersonal besprechen, immer Strickleiter- oder Knopflochtechnik
  13. schwere Arbeit mit dem Shuntarm vermeiden
  14. immer gut dialysiert sein

Shunt-Sprechstunde

Ich halte es für wichtig, bei Problemshunts oder Dialyseshunt-Veränderungen die Shunt-Sprechstunde aufzusuchen.

Bei plötzlich auftretenden Punktionsproblemen oder Verschiebungen des arteriellen oder venösen Drucks in der Shuntvene bieten shuntchirurgische Zentren eine Shunt-Sprechstunde an. Die meisten Probleme lassen sich beheben, wenn ein Spezialist frühzeitig den Dialysezugang untersucht und beurteilt.
Vor einer Shunt-Neuanlage und -Revision ist es unbedingt erforderlich, den Shuntchirurgen aufzusuchen, damit er sich ein Bild von der Gefäßsituation des Patienten machen kann.
Aus meiner persönlichen Erfahrung ist es von größter Bedeutung, ein Vertrauensverhältnis zu seinem Chirurgen aufzubauen, ihm Fragen zu stellen und mit ihm das weitere Vorgehen besprechen. Fehlt dies oder hat man das Gefühl, man nehme sich keine Zeit oder wird nicht genügend aufgeklärt, hat man immer die Möglichkeit, eine zweite Meinung von einem anderen Shuntspezialisten einzuholen.

Anfuehrungszeichen

Die shuntchirurgische Sprechstunde ist ein wesentlicher Bestandteil einer professionellen Dialyseshuntchirurgie. Sie ist die Basis für eine vorausschauende Shuntplanung – vor allem bei Risikopatienten – und eine wesentliche Einrichtung für die Vertrauensbildung eines oftmals schon verunsicherten Patienten.

Dr. med. Thomas Röder
Chefarzt des Zentrums für Dialyseshuntchirurgie am HELIOS Cäcilien-Hospital Hüls

 

Der Dialyseshunt „läuft“ nicht mehr

Sonntagmorgen, 26. Oktober 2014, 8:45 Uhr Ingelheim, Schlafzimmer! Ich stehe senkrecht im Bett.
Meinen Puls höre ich bis hinter die Ohren. Doch nicht meinen Dialyseshunt. Ich fühle nochmal eine andere Stelle meiner Lebensader, kein Puls, kein Rauschen, kein Surren, keine Bewegung, keine Shuntmelodie. Ist mein Stethoskop kaputt? Ich höre nichts.Meine Frau hört auch kein Geräusch. Und plötzlich fühle ich mich elend und krank. Ich suche nach Gründen, warum meine Lebensader aufgegeben hat. Was führte dazu, dass mein Dialyseshunt nach der Dialyse am Abend zuvor oder in der Nacht zugegangen ist?

Gründe für einen Shuntverschluss

  1. Engstelle (Stenose) in der Shuntvene
  2. Blutdruckabfall und Flüssigkeitsmangel
  3. Gerinnungsproblem
  4. zu starkes Abdrücken des Shunts
  5. Verengung der Anastomose
  6. Venenentzündung

Monitorbild einer Shuntstenose

Abb. 1 Monitorbild einer Shuntstenose © Michael Hennrich

Was ist zu tun, wenn der Dialyseshunt zu ist?

Nach mehrmaligen Abtasten war mir zweifelsfrei klar, dass mein Kunststoffloop verschlossen war. Zwölf Jahre hat mein Kunststoffimplantat gehalten, was weit über dem Durchschnittsalter eines Implantats von drei bis sechs Jahren liegt. Eine sterile Punktion, die Punktionsmethode „Strickleitertechnik“ und immer derselbe Punkteur können das Überleben eines Kunststoffshunts um ein Vielfaches verlängern.

Von meiner bevorzugten Shuntchirurgin, Frau Dr. med. Franziska Frizen aus der DKD HELIOS Klinik in Wiesbaden, fand ich schnell die Notfallnummer auf meiner Shunt-Webseite. Sie hatte Bereitschaftsdienst und wir vereinbarten, dass ich um die Mittagszeit in der Klinik sein würde. Nichts mehr Essen und Trinken, da ich eine Vollnarkose erhalten sollte.

Die Shunt-OP

Ich machte mich mit meiner Frau auf den Weg in die Klinik, wo ich schon erwartet wurde.

Dialysepatienten sind Hochrisikopatienten, daher startet ein erprobtes und durchorganisiertes Aufnahmemanagement, bevor der Patient auf dem Operationstisch zum Liegen kommt.

Vorbereitungen zur Shunt-OP

  1. Anmeldung in der Patientenaufnahme der Klinik
  2. Zuweisung der Station
  3. Zuweisung des Patientenzimmers und Erläuterung des Stationsablaufs
  4. stationäre Aufnahme und Untersuchung durch den Stationsarzt
  5. Blutentnahme: Blutbild, Kalium, Harnstoff, Kreatinin, CrP, TSH, Hepatitis-Serologie, Blutgasanalyse
    Keine Operation bei einem Kaliumwert über 6 mmol/l
  6. MRSA-Screening
  7. Aufnahmegespräch durch die Stationspfleger
  8. Erfragung und Dokumentation der Restausscheidung und der Trinkmenge
  9. Dialyseregime
  10. Ermittlung der Vitalparameter: Blutdruck, Puls, Temperatur, Körpergröße, Gewicht
  11. kurze Anästhesievisite: Angaben zu OP- und Narkose-Verfahren
  12. Einverständniserklärungen, Unterschriften

Nachdem ich wieder auf meinem Zimmer auf der nephrologischen Station war, wurde von Frau Dr. Frizen noch einmal der operierte Shunt auf seine Funktion und Nachblutung untersucht. Am späten Abend kam Professor Krönung an mein Bett. Kurz erläuterte er, was bei mir operiert wurde: Er entfernte eine hochgradige Stenose, machte den Shunt wieder durchgängig und ersetzte das venöse, verbrauchte Prothesenmaterial durch neuen Kunststoff (PTFE). Er empfahl mir, baldmöglichst eine CO2-Angiographie machen zu lassen, damit er den Shuntverlauf im oberen Abschnitt unter dem Schlüsselbein zu sehen bekommt. Er vermutete dort eine Engstelle im weiteren Venenverlauf.
Nach zwei Tagen ohne Komplikation wurde ich aus der Klinik entlassen.

Kein Shunt hält ewig

Es ist selten, dass ein Gefäßanschluss über Jahrzehnte hält. Dennoch gibt es Ausnahmen: Ich kenne Leute, die 40 Jahre und länger die erste AV-Fistel haben! Das sind zwar Trümmershunts oder schlangenartige Gebilde übersät mit Aneurysmen, aber sie laufen und laufen. Sie werden nur dann operiert, wenn sie Probleme machen.
Als Dialysepatient muss man immer damit rechnen, dass irgendwann Probleme an der Lebensader auftreten können. Bei dem einen geht das schnell, bei dem anderen dauert es Jahrzehnte. Die meisten Probleme an der Lebensader kündigen sich an. Shuntverschlüsse treten meistens nach der Dialyse auf, wenn der Blutdruck niedrig ist und sich zudem eine Enge in der Shuntvene befindet. Mit Gewissheit hat man den Anstieg des Venendrucks versäumt. Das war früher bei mir stets der Fall gewesen.
Ein akuter Shuntverschluss stellt für den Dialysepatienten immer einen Eingriff unter besonderen Bedingungen dar. Dialysepatienten sind Risikopatienten und ein Shuntverschluss oder -problem bedeutet zunächst: Lebensgefahr, weil ohne Zugang keine Dialysebehandlung möglich ist.

Als Patient ist man mitverantwortlich für seine Lebensader, denn das Gefäßsystem ist das Kapital eines jeden Dialysepatienten, mit dem alle Beteiligten sorgsam und verantwortungsbewusst umgehen sollten.
Mein Kunststoffshunt läuft nach der Operation wieder, und ich hoffe, dass ich noch lange über meine neue Lebensader die Heim-Hämodialyse durchführen kann. Nur ein gut laufender Shunt bringt mir die effektive Dialyse und dadurch die für mich so wichtig gewordene Lebensqualität.

Die ausführliche Version des Erfahrungsberichts können Sie hier nachlesen: www.dialyseshunt.com/Shunt-zu-was-nun.pdf

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