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Schwerpunkt

Schwimmen wir mit, oder werden wir über­rollt?

Digitali­sierung im Gesundheits­wesen: ein persönlicher Kommentar

„Guten Morgen! Sie haben heute sechs Stunden geschlafen und sehen müde aus. Ich empfehle Ihnen ein leichtes Frühstück und ein mittleres Fitness-Programm. Das Rezept und den Trainingsplan schicke ich Ihnen auf Ihr Smartphone. Sie sollten heute spätestens um 22:00 Uhr ins Bett gehen, um Ihre empfohlene Schlafzeit von sieben Stunden und 15 Minuten zu erreichen. Auf Alkohol sollten Sie heute verzichten. Bitte denken Sie daran, Ihre Medikamente zu nehmen. Die Packung reicht noch bis übermorgen, eine neue habe ich bereits bestellt.“

So oder so ähnlich werden in Zukunft viele Menschen morgens geweckt werden. Aber nicht von Ihrem Arzt oder Personal Trainer, sondern von Siri, Alexa oder Google. Technisch sind der intelligente Spiegel, die mit Sensoren ausgestattete Toilette und der sprachgesteuerte Assistent längst keine Vorstellungen eines Zukunftsromans mehr, sondern erprobte Technologie.

Armbanduhr

© Crew | Unsplash.com

Gesundheit als Geschäftsmodell

Die „Großen“ der Digitalisierungsbranche wie Microsoft, Apple, Amazon und Google haben Gesundheit als attraktives Geschäftsmodell entdeckt. Seit iOS 10 kann man die „iHealth“-App nicht mehr vom iPhone löschen. Amazon hat unlängst 1.000 Entwickler unter dem Projektnamen „1492“ zusammengezogen, um wie Columbus eine neue Welt zu erobern: die der Gesundheit. Die größte Krebsforschungsplattform der Welt gehört dem Google-Mutterkonzern Alphabet. Wenn Sie heute im Silicon Valley eine große Summe Venture Capital einsammeln wollen, sind Sie mit einem gesundheitsbezogenen Thema genau richtig. Bis Mitte des Jahres wurden dort mehr als sechs Milliarden US-Dollar in Digital-Health-Unternehmen investiert.

Digitalisierung bedeutet: Alles, was gemessen werden kann, wird gemessen. Alles, was vernetzt werden kann, wird vernetzt. Auf diesem umfassenden Netzwerk entstehen neue Geschäftsmodelle. Während wir das bisher eher mit dem Taxi-Gewerbe (Uber) oder mit Essenslieferanten (Delivery Hero) in Verbindung brachten, werden wir derzeit selbst Teil des „Internet of Things“.

Computer vs. Arzt

Grundlage dafür ist die technologische Weiterentwicklung in drei Feldern: der Sensorik, der Datenverarbeitung und der Datenanalyse. Wearables, die man sich als Armband zulegt und die Schritte zählen, den Puls messen oder Trainingstipps geben können, erregen heute kein Aufsehen mehr. Mittlerweile ist es aber auch möglich, Emotionen zu messen oder mittels Stimmanalyse auf eine drohende depressive Episode bei einem Menschen mit psychischer Erkrankung zu schließen.

Google arbeitet an Kontaktlinsen, die permanent den Blutzucker messen und somit die Behandlung von Diabetespatienten revolutionieren könnten. Apple erforscht ein ähnliches Konzept zur kontaktlosen Blutzuckermessung. Grundsätzlich lassen sich inzwischen fast alle Vitalparameter auch durch Mini-Sensoren messen, die Intensivstation eines Krankenhauses ist dafür nicht mehr notwendig.

Längst sind Computer auch dem besten Arzt überlegen, wenn es um das Vergleichen von vorliegenden Informationen geht: Kein Mensch kann die Wechselwirkungen aller Medikamente im Kopf haben, Röntgenbilder kann eine Maschine viel besser analysieren.

Anfuehrungszeichen

Es ist nur eine Frage der Zeit, bis Diagnose und Therapievorschläge vollständig von Computern übernommen werden.

 

Entwicklung in Deutschland

Man kann und sollte diesen Entwicklungen kritisch gegenüberstehen. Bloß: aufhalten kann man sie nicht. Die Frage ist viel mehr, welche Alternativen und Optionen das deutsche Gesundheitswesen bietet, um die Möglichkeiten der Digitalisierung im Sinne der Patienten, Ärzte und Pflegekräfte zu nutzen. Die offizielle Antwort darauf ist das Projekt „elektronische Gesundheitskarte“ mit der dazugehörigen Telematikinfrastruktur. Der zugrundeliegende technische Ansatz ist über zwölf Jahre alt (das iPhone hat 2017 zehnjähriges Jubiläum). Es wird allen Ernstes vorgeschlagen, dass Patienten sich ein tragbares Kartenlesegerät für ihr Smartphone kaufen sollen, um auch mobil auf die eigenen Daten zuzugreifen. Wie die Nutzung der Konnektoren im Praxis- oder Klinikablauf funktionieren soll, ist nicht zufriedenstellend gelöst. Gleichzeitig wird ein Interoperabilitätsverzeichnis aufgebaut, mittels dessen IT-Anbieter ihre Lösungen Telematikinfrastrukturtauglich gestalten können.

Anfuehrungszeichen

Es ist, als ob ein Formel 1-Bolide gegen eine Seifenkiste antritt.

 

Begründet wird dies häufig mit hohen Datenschutzanforderungen. Allerdings muss dann die Frage gestellt werden, ob in anderen Ländern, in denen es bereits eine staatliche „Datenautobahn“ für Gesundheitsdaten gibt, Datenschutz nichts wert sei.

Eine aktuelle Studie von Prof. Haux (Peter L. Reichertz Institut für Medizinische Informatik der TU Braunschweig und der Medizinischen Hochschule Hannover) vergleicht die aktuelle eHealth-Realität in Deutschland, Österreich, Finnland, Hongkong, Südkorea, Schweden und den USA anhand der Fragestellung, ob Ärzte, Patienten und pflegende Angehörige flächendeckend auf vernetzte Gesundheitsdaten zugreifen und selber Daten zur Verfügung stellen können. In fünf Kategorien schneidet Deutschland dabei mit einem „minus“ ab, lediglich regional sind gemeinsame Akten vorhanden.

Wacht auf!

Ein „weiter so“ gibt es nicht, wenn das Gesundheitswesen nicht, wie in anderen Feldern der Digitalisierung, von US-Konzernen überrollt werden soll. Die Fragen, mit denen wir uns beschäftigen sollten, sind:
Welche Rolle übernehmen Ärzte, Physiotherapeuten und Pflegekräfte, wenn das „reine Wissen“ und das Interpretieren von Daten besser durch Computer erledigt werden können? Welche Rahmenbedingungen können und müssen wir setzen, damit die Rechte auf Selbstbestimmung und Datenschutz nicht vollends untergraben werden?

Eines ist klar: Die Googles dieser Welt sind sehr gut darin, Produkte zu entwickeln, denen wir gerne und freiwillig unsere Daten überlassen. Da wir selber für die Nutzung nichts zahlen müssen, wird Geld mit der Weiterverwendung dieser Daten verdient. Es ist auch nicht angebracht, alles schwarz zu sehen, denn das Beispiel der seltenen Erkrankungen zeigt, wie Digitalisierung die Gesundheitsversorgung verbessern kann. Allein in Deutschland sterben jährlich 56.000 Menschen durch die Gabe falscher Medikamente.

Ein realistisches Ziel sollte sein, den Menschen eine verlässliche Struktur anzubieten, in der sie ihre Gesundheitsdaten selbstbestimmt und sicher aufbewahren können. Der Einzelne sollte entscheiden können, wer für welchen Zweck Einsicht in seine Daten bekommt. So könnte es sinnvoll sein, die Untersuchungsergebnisse des Hausarztes mit dem Ernährungscoach oder die Medikationsliste mit dem Krankenhaus zu teilen. Umgekehrt sollte der Orthopäde vielleicht nicht wissen, dass man auch schon einmal in psychiatrischer Behandlung war. Kommerzielle Anbieter sollten die eigenen Daten nur für eine Gegenleistung und auf freiwilliger Basis erhalten, wie es in Finnland und Österreich z.B. längst Realität ist.

In der Digitalisierung liegen für alle Beteiligten riesige Chancen. Die Technologie ist kein Engpass mehr, fast alles ist möglich. Es ist allerhöchste Zeit, dass wir uns aufraffen, intelligente Lösungen zu entwickeln, die einen wirklichen Nutzen bieten und die wir guten Gewissens unseren Kunden und Patienten anbieten können.

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